Lohmann oder Die Kunst sich das Leben zu nehmen


Matthias Kehle über Werner Dürrson   Am Erker , Münster im Juni 2008



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Die „Grammatik der Schmerzen“ ist geschrieben.

Werner Dürrson und die Ästhetik des Widerstands

 

 

von Michael J. H. Zimmermann

 

 

Wer gibt der Verwundung Namen, richtet Erniedrigung auf, schenkt der Fassungslosigkeit Form, leiht dem Aufstand die Stimme? Wer, wenn nicht der Schöngeist vom Schlag eines Werner Dürrson?  Trotz oder wegen seiner Kompromißlosigkeit erreichte er in lebendiger Zwiesprache die Menschen, übersetzt in viele Sprachen dieser Erde, zu deren Wohl statt Weh er mit bedeutenden Kulturschaffenden seiner Zeit Brücken baute zur Versöhnung: Werner Dürrson, der Schwenninger Schriftsteller und Weltbürger. Am 17. April 2008 starb im Alter von 75 Jahren der die Welt durchdenkende Dichter, mit ihm einer der wichtigsten Schriftsteller deutscher Zunge, der sich politisch eingebracht und ausgesetzt hat in Zeiten, „da die Schönen Künste nicht mehr schön sind, sondern Ergebnisse dessen, was man einem antut - und wie man sich wehrt“: Seine Heimatstadt trauert beim Requiem für einen Literaten um den genuinen Lyriker, geborenen Erzähler, genialen Essayisten, gehinderten Dramatiker und „romanesken Biographen“, der, mit Nietzsche zu sprechen, der „Dichter eigenen Lebens“ auf Augenhöhe mit sich selbst wurde, um einen Aphoristiker auch von brillanter Schärfe. Über dem Schriftsteller von Weltrang nicht zu vergessen ist der Bildende Künstler. Auch dessen Werk verspricht Dauer. „Himmel ringsum“: der „Sterngewinn“ für einen, dem die Unendlichkeit unendlich plausibler schien als ihr Gegenteil.

   Preisenswert war der vielfach begabte gebildete Bildner, ein Dichter mit den Ohren eines Musikers,den Augen eines Malers, dem Scharfsinn eines Philosophen - zudem mit der seltenen Fähigkeit zur Erkenntnis, wie sie Geschichte (nach)gestaltenden Historikern eignet, die den Dingen auf den Grund geht Und preisgekrönt. Erinnert sei nur an den Schubart-Preis 1980, gerahmt vom Deutschen Kurzgeschichtenpreis1973 und 1983. Der Literaturpreis der Stadt Stuttgart ereilte ihn 1978; über dem Großen Teich wurde ihm 1982 der New Yorker Preis für Literatur zugesprochen; der Bodensee-Literaturpreisfolgte1985,derSchiller-Preis 1997, der Eichendorff-Preis 20012003 erkor ihn das International Bibliographical Centre in Cambridge zum International Writer of the Year; 2004 lud ihn die Deutsche Akademie zu Rom als Ehrengast in die Villa MassimoPreiswürdig war auch der Vermittler und Übersetzer, der zwischen Frankreich und Deutschland als angeblichen „Erb- und Erzfeinden“ fruchtbar Beziehungenknüpfte:1993 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz bedacht, welches den Vorkämpfer für Frieden in Freiheit, die ohne Gerechtigkeit sich sowenig denken läßt  wie ohne Unteilbarkeit der Menschenrechte,nicht minder auszeichnen mag.

  Am 12. September 1932 in Schwenningen a. N. geboren,durchlitt der Empfindsame das Dritte Reich, das ihn zum volksdienlichen Taugewas abrichten wollte, wie die Prügel des Vaters, der ihn zurichtete, seine Liebe in der Züchtigung übertrieb,Lichtbringer nur als Elektrotechniker. In die Fluchtburg der Schönen Künste zog er sich zurück mit Hilfe des Großvaters,dem er Musik dankte und Poesie:Lebensrettungsanker für einen, der den Kopf woanders hatte, in den Fluten der „Normalität“ der größten Uhrenstadt der Welt samt ihren (bürgerlichen) Zwängen. Nach der mittleren Reife in den Beruf des Dentisten geworfen, floh er von Handwerk mit goldenem Boden ins Bodenlose, lebte dank datierter Gedichte in „dadurch geretteten Tagen“. Als er, der es 1954 in Straßburg mit virtuosem Spiel zum Harmonika-Weltmeister bringen sollte, zum Ende der gelebten Groteske seiner Stuttgarter Lehrzeit das Stipendium für ein veritables Musikstudium in Trossingen erhielt, war sein Vorbild schon geboren: Hermann Hesse. Rasch mußte der verklingendeTon  demWortweichen, das bleibt: Der nach dem Wesen der Musik in der Dichtung suchte, fand in Hesse, dem pazifistischen Emil Sinclair des „Demian“, seinen väterlichen FreundundFörderer: Dem Unberatenen wurde der Calwer Nobelpreisträger zum „eigentlichen Vater“.  Den Umweg über dessen verlorenen Jugendfreund, den Rosendoktor,braunen  Spatzen oder (Ludwig) Finckhen, scheute der Suchende dabei nicht. Beiden dankte er, ohnehin durch Gewalt sensibilisiertfürGerechtigkeit,die politischeBewußtwerdung,die ihn nicht gefangenhielt im Tübinger Elfenbeinturm der Wissenschaften ...

   Bereits im Jahr, da Dürrson mit 25 Jahren als Externist in Schwenningen sein Abitur nachholte und das Studium der Germanistik,Romanistik,MusikwissenschaftinTübingen und München aufnahm, lobte die Fachwelt seinen Erstling in höchsten Tönen: „Hermann Hesse. Vom Wesen der Musik in der Dichtung“. Gedichten in der Art des Vorbilds folgte die Ausbildung eineseigenenStils abseits abgenutzter Phrasen, zeiterzwungener Sprachlosigkeit,dieWendungzuneuer Lyrik: Gedichtbände erschienen schon während des Studiums, das mit dickleibigen „Untersuchungen zur poetischen und musikalischen Metrik“ und der Verleihung der Doktorwürde seinen Abschluß fand, worauf der Lernende zum Lehrenden sich wandelte- inZürich,zuvorinPoitiersLektor und Dozent, später in Saarbrücken, Tübingen, Weingarten...

  Denn auch ein Lyriker muß leben, sei es in Frankreich oder Schwaben. Am Formbewußtsein der großen Franzosen schulte sich der Hochbegabte, doch gab der Empfangende auch: als kongenialer Übersetzer von Stéphane Mallarmé, Arthur Rimbaud, René Char, Henri Michaux. Hier Paul Celan vergleichbar, dessen Wirkung in wunderbaren Gedichten Dürrsons sich zeigt, die, ohne ihn so nicht denkbar, nie (epigonenhaft) Nachklang nur wären, sondern leben aus Innerstem bei einem aus eigener Kraft Großen, der allerdings, ein gebildeter Bildner und daher anspielungsreich, als poeta doctus gelten darf.

 Die Erfahrung des Wortes als Rhythmus, Klang und Bild kann mit ihm teilen, wer seine Werke auf dem weiten Weg von den „Blättern im Wind“ bis zu den „Rumänischen Elegien“ oder den „Pariser Spitzen“ liest, Bücher eines Meisters des Worts, der von der Sprache her dichtet. Sie war Daseinsmitte des engagierten Literaten, der wie ein philosophierender Politologe die Welt denkend erfaßte, Erkanntes aber dazu ins Gewand der Dichtung kleidete. Früh bekannte der Sprachmeister, daß ihm in der Mitteilung an Mitmenschen die (Mit-)Welt zu rühmen erster Impuls zur Dichtung gewesen sei – und die  Zweideutigkeit ihm dabei zum Rettungsversuch geworden, auf daß „hinter dem Gesicht noch ein Gesicht“ (Nelly Sachs) aufscheine. Wer freilich an die Dichtung so sein Leben setzt, den mag der Weg von der Lust zu rühmen zur Not zu tadeln führen, von ererbtem Reim zu harter Fügung, vom Lyrischen zum Lakonischen: Märchenhaft schwer sind die Melodien der Melancholie; ihr wohnt ein sond'rer Zauber inne.

 Gewalt wurde dem denkend Leidenden wie dem leidend Denkenden zum Thema. Mehr als ein Widerspruch gegen den „Alltag“ mit all seiner Gemeinheit hin zur kosmischen Befreiung zum „All-Tag“, der einen wieder atmen läßt, ist die „Gegensprache“ des Mannes, der fürchtete, die „Grammatik der Schmerzen“ könnte ungeschrieben bleiben: „Laien entbehrlich, Theoretikern irrelevant; Eingeweihten sich erschließend überm Verstummen.“ Mehr als nur Widerworte braucht es  im Kampf gegen jede Art von Menschen verdinglichender, unterwerfender, entwürdigender Herrschaft, im Einsatz für die (nicht von selbst) schwindende Natur,inHinwendungzurgefährdetenLiebe. Aus Sorge ums Sein erhebt der homme de lettres engagé seine Stimme, der aus Liebe zur Wahrheit wie den Menschen sich dem Verstellten stellt, es im Wortsinn zu entstellen: Kaum ein deutscher Schriftsteller hat die Taten des Nationalsozialismus, den nationalen Konsens des Beschweigenshiernachund  seine Gründe in solch atmosphärischer Dichte gefaßt wie Dürrson in der "Aschenmär" oder in "Grafeneck". Kaum einer die Unfreiheit auch roter Diktaturen und ihrer Folge für die aus ihr Entlassenen schonungsloser in Worte gegossen.

    Hoffnung auf Besserung beflügelte ihn, nicht nur als Prinzip. Das  Zutrauen  in  dieMacht des Dichters hatte er als 68er wie die Künstler, mit denen er zusammenarbeitete, und von denen  Erich Heckel (Schattengeschlecht), HAP Grießhaber (Flugballade), Klaus Staeck (Dreizehn Gedichte) beispielhaft genannt seien. Doch blieb es nicht unangefochten; Dürrson wußte, daß „schiere Brutalität jedwede Kulturleistungrelativiert“.Ihntrieb  gleichwohl die ungestillte Sehnsucht dessen, der Worten ihren Wert beläßt. „Ist Wahrheit Revolte, sobald sie sich äußert?“  Der wie in  beiden Schubart-Büchern diese Frage aufwirft, schlägt gesellschaftskritische Töne an. Der sich die Antwort gab, ist und bleibt der junge Kriegsdienstverweigerer, der als Kind die Schnecken auf der Straße rettete, sie barg in sichereren Gefilden, in der „Ehrfurcht vor dem Leben“, wie Albert Schweitzer sie lehrte. Stets war der entschiedene Pazifist auf Seiten derer zu finden, mit denen - zumindest die längste Zeit ihres Lebens - kein Staat zu machen war: So demonstrierte er für Frieden und Abrüstung mit Günter Grass, Luise Rinser, Alfred Mechtersheimer ... Worte nur füg(t)en sich ihm zu 'Spreng-Sätzen', die den Weg öffnen zur „Humanität, die über die Nationalität zur Bestialität“ nie entarten dürfe   - wie es Johann Nepomuk Nestroy allerdings nicht ohne triftigen Grund befürchtete. Was kann der Literat, vom starken Staat gern überwacht, bewegen? „Den Finger in die Wunde legen“, oft verzweifelt. Zeichen zumindest lassen sich setzen. Und Anstöße geben, auch „der deutschen Krankheit, dem Mangel an geistiger Auseinandersetzung“, abzuhelfen.

 Dies versuchte der poeta laureatus mit unwiderstehlichem Hang zu Transgression ins Wesentliche, zu Kondensierung und Reduzierung, auch mit unübertrefflichen Portraits von Schriftstellern, Bildenden Künstlern, Komponisten.. Für Radiohörer waren seine „Profile“ an jedem ersten Sonntag im Monat unvergessen beglückende Höhepunkte: Licht selbst an düsteren Tagen. Ein Lebensbild freilich fehlt in der langen Reihe: das des Schwenninger Schriftstellers, der es am besten von sich selbst entwirft - im autobiographischen Roman: „Lohmann oder die Kunst, sich das Leben zu nehmen“. Nicht von Selbstmordhandelt er. Er erzählt eine sogroßewieschmerzhafteVater-Sohn-Geschichte,diehochpoetische und zutiefst politische Biographie dessen, der mit allen Farben des Seins wortmächtig Bilder zu malen versteht, der Miniaturen zaubert von dauernder Symbolkraft  - und der sich selber seinLebennimmt(unddieLiebe).

 Die „Grammatik der Schmerzen“ ist nun geschrieben. Sie bleibt – wie die ausdrucksstarken Monotypien, entstanden während der sechziger und siebziger Jahre in Begegnung mit Max Ernst und Auseinandersetzung mit dem Surrealismus. Kein Zeichner, arbeitete Dürrson mit verschiedenen Techniken, eigene Möglichkeiten entdeckend, selbst Rußbilder schaffend Wie urweltliche Wälder wachsen Strukturen des Grün ins Schwarz lichtlosen Anfangs. Schroff ragen Berge auf, Monolithen, zum Gebirge sich fügend in erdwarmen Brauntönen. Silbern aber wie Seen reglos ruhen im Mond, fließt entgrenzt der zeitlose Strom für den, der da auf Wasser blickt. Wellen, stehend bewegt in gebrochenem Spiegel. Allem lichtvoll entbunden ist nun der Dichter, der als Bildender Künstler experimentierte und oft das Elementare besang, wenn er nicht schreiben konnte: er, der, Zeitgeschichte betrachtend, „Zeitgedichte“ schrieb und ingewählten Worten Heimat fand - eher als am Neckarquell oder zu Poitiers am Clain. Nach all den Taten blieb ihm die Kunst französisch,  der in Schloß Neufra lebte im Wechsel mit Paris, am Bodensee zu Zeiten seines Schwanengesangs: „HierdämmertDeutschlandamschönsten“, reglos wie der See, selten sublimer beschrieben.

   

Fotos/Repros: Michael J. H. Zimmermann


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